Ein Berner Sennenhund macht Karriere

Bevor der Berner Sennenhund Max in ihr Leben trottete, hatte Nina Tromm aus Chur nicht die Absicht, sich als Hundeführerin bei REDOG zu engagieren. Doch Frau und Hund entdecken auf ihrem gemeinsamen Weg ungeahnte Talente und ihre Leidenschaft für die Suche nach vermissten Menschen.

Reportage: Tanja Reusser
Bilder: Artina Hani und zvg Nina Tromm
Erschienen in "Humanité", dem Gönnermagazin des Schweizerischen Roten Kreuzes, Februar 2025

 

Nina Tromm kann heute noch kaum glauben, dass sie sich trotz ihrer gewissenhaften Vorbereitung auf ein Leben mit Hund vor rund drei Jahren spontan dazu hinreissen liess: Ein Tierinserat im Internet führt sie nach Deutschland, um einen acht Monate alten Berner Sennenhund zu kaufen, der nicht aus einer anerkannten Zucht stammt und offensichtlich nicht artgerecht gehalten wurde. „Ich habe das Foto von Max gesehen und wusste ganz genau: DAS ist er.“ Die 33-jährige Prättigauerin ist Juristin und handelt üblicherweise durchdacht. Doch dieses Mal verlässt sie sich auf ihr Gefühl. 

„Völlig eingeschüchtert sass Max damals im Zwinger und hatte enorme Angst vor seinem Besitzer. Aber ich spürte irgendwie, dass er zu mir passt und einen guten Charakter hat.“ Wie sich später herausstellt, ist ihr Eindruck richtig. Doch die ersten gemeinsamen Monate mit ihrem Berner werden für die Bündnerin zur Belastungsprobe. Ihr vierbeiniger Freund ist traumatisiert. Er hat Angst vor fast allem, besonders vor Männern und Hunden. Ihr gegenüber zeigt er sich jedoch dankbar und anhänglich, was sie darin bestärkt, alles zu versuchen und geduldig zu sein, um Max zu helfen.

Ein Hundetrainer rät ihr, eine Beschäftigung für Max zu finden, um sein Selbstvertrauen zu stärken. Obwohl Berner Sennenhunde gemeinhin als gemütliche Hütehunde gelten, besucht Nina Tromm ein Schnuppertraining der Geländesuchhunde von REDOG. Das ist, wie wenn ein prädestinierter Schwinger es auch mal mit Kunstturnen versuchen will. Der Schnuppertag verläuft katastrophal. „Max bellte permanent alle und alles an. Ich ging davon aus, dass dies nie etwas sein und der Verantwortliche mir mitteilen wird, dass ich eine andere Aktivität für Max suchen soll.“ Der Trainer von REDOG glaubt jedoch an Max. Die sportliche Frau gibt nicht auf und trainiert gemeinsam mit ihrem Hund so oft wie möglich, auch ausserhalb der Trainingsgruppe.

 

Das ist, wie wenn ein prädestinierter Schwinger es auch mal mit Kunstturnen versuchen will.

Nina Tromm, Rettungshundeführerin in der Vermisstensuche

Dieser Sondereinsatz zahlt sich aus. Die Geländesuche wird zu Max‘ grosser Leidenschaft. Plötzlich ist der junge Rüde entspannt gegenüber fremden Hunden und Menschen. Noch mehr: Max ist der geborene Suchhund. Mit maximaler Geschwindigkeit und grossem Sucheifer hängt er andere ab, erntet Komplimente und gewinnt an Selbstvertrauen. Der Berner ist derart arbeitswillig und ausdauernd, dass eine Verwandtschaft mit einer anderen Rasse vermutet wird. Nina Tromm ist neugierig: „Ich liess einen Gentest machen, weil Max keinen Stammbaum hat. Er ist nachweislich ein reinrassiger Berner Sennenhund.“

Im Oktober 2024 bestehen die beiden die Prüfung zur Einsatzfähigkeit im ersten Anlauf. „Max freut sich unbändig, wenn ich ihm Schabracke und Bringsel anziehe. Er mag das Suchkommando vor Eifer fast nicht abwarten.“ Auch Nina Tromm liebt ihre Arbeit als Hundeführerin: „Ich liebe es, mit Max bei jedem Wetter in der Natur zu sein und mit ihm zusammen eine sinnvolle, gemeinnützige Aufgabe zu erfüllen. Zudem sagen mir die technischen Aspekte zu.“ Dazu gehören unter anderem Übungen mit Kompass und Karte, das Abseilen mit der Alpin-Ausrüstung und die Erste Hilfe. 

Sogar nach einem harten Arbeitstag freut sich die Juristin auf das Training mit Max. Was vielleicht auch daran liegt, dass sie bei REDOG ihren Lebenspartner gefunden hat. Er ist aktuell noch in Ausbildung zum Suchhundeführer und kann gut damit leben, dass sein Belgischer Schäferhund manchmal von einem Berner Sennenhund überholt wird.